Besonders Tobias Riemenschneider hat die „Kopftuchfrage“ nochmals neue Popularität verliehen, während sie bis dato insbesondere in der sog. Alten Versammlung, auch exklusive oder geschlossene Brüdergemeinden genannt und einige offenen Brüdergemeinden sowie weiteren bibeltreuen Gemeinde auch in den Jahrzehnten davor als biblisches Gebot, die christliche Frau solle auch im 21. Jahrhundert eine Kopfbedeckung im Gottesdienst tragen, verstanden wurde. Genau hier fängt es allerdings schon an – denn Paulus schreibt explizit, die Frau solle beim Beten und Prophezeien, offenbar im Gemeindekontext, eine Kopfbedeckung tragen. In genannten Gemeinden und auch Riemenschneiders Gemeinde ist es jedoch der Frau i.d.R. nicht gestattet zu beten und schon gar nicht zu prophezeien (was auch immer dies in einer nichtcharismatischen Gemeinde heute bedeuten könnte – ein spannendes Thema für ein Andermal). So ist es so paradox wie es klingt:
Paulus: Liebe Schwester, bitte trage ein Kopftuch, wenn du betest oder prophezeist.
Tobias Riemenschneider: Liebe Schwester, du darfst bei uns weder beten noch prophezeien, aber bitte trage ein Kopftuch, während du im Gottesdienst schweigst.
Komisch, oder? Das muss man schon klar sagen.
Auch sagt Riemenschneider sinngemäß: Wenn wir nicht wissen, ob es ein Gebot ist, sollten wir es vorsichtshalber mal halten. Das ist für einen Christen doch eine sehr pharisäische und unbiblisch anmutende Denkweise. Am Ende dieser Seite habe ich die dazugehörigen Videos mit Zeitstempel angegeben, wenn jemand das Original anhören möchte.
Nun aber zur eigentlichen Frage: Was bedeutet diese Kopftuchpassage in 1. Korinther 11 und bedeutet sie, dass eine christliche Frau heute noch in bestimmten Situationen oder gar generell ein Kopftuch tragen muss (sofern sie die Bibel wirklich ernst nimmt)?
Vorweg genommen: Ich beschäftige mich seit vielen Jahren durch meine starke Gemeindeaktivität mit dieser Frage. Ich selbst bin ein offener Brüdergemeindler. Ich erhebe den Anspruch, dass ich im Folgenden keine irrelevante Einzelmeinung, sondern eine biblisch fundierte und nachvollziehbare – sowie auch unter aktiven Bibellesern weit verbreitete – Antwort auf die eingangs gestellte Frage gebe. Bitte prüfe sie anhand der Bibel und unter Gebet. Gott lehrt den Christen durch sein Wort, die Gemeinde und den Heiligen Geist. Daher sind wir auf Bibelstudium und Gebet angewiesen und sollten auch reichlich reife und bewährte Brüder und Schwestern befragen, die tief im Wort Gottes sind (!), wenn uns eine relevante Glaubensfrage, die uns persönlich betrifft, beschäftigt.
Paulus schreibt in 1. Korinther 11 Folgendes: Das Kopftuch als Zeichen der Macht steht als Zeichen dafür, dass die Frau ein Haupt über sich hat. Das geht relativ deutlich aus dem Text hervor. Das Kopftuch dient als Zeichen dafür, dass sie ein Haupt, nämlich den Mann, über sich hat. Der Mann soll unbedeckt beten, weil er Christus widerstrahlt und er kein menschl. Haupt über sich hat, sondern das einzige Haupt was er über sich hat, ist der Christus.
Dies spricht dafür, dass es ein kulturelles Argument ist, was Paulus hier bringt und was er einige Verse später auch noch mit weiteren kulturellen Markern verstärkt. Heute steht das Kopftuch in der Gesellschaft nicht dafür, dass die Frau ein Haupt über sich hat, also verheiratet ist. Ist der Text so formuliert, dass das Kopftuch ein Zeichen dafür ist, dass die Frau ein Haupt über sich hat, auch völlig unabhängig davon, was das Kopftuch in jeder Kultur bedeutet? „Lehrt euch nicht die Natur, dass langes Haar eine Schande für den Mann ist?“ In unserer Gesellschaft lehrt es die Natur nicht. Wir erkennen also klar einen kulturellen Kontext in diesem Text. Nein, wir fantasieren ihn nicht hinein, wir finden ihn dort zweifach – und vermutlich noch in weiteren Details – im Text selbst. Zum einen die von Paulus erwähnte Aussagekraft des Kopftuchs, nämlich dass die Frau verheiratet ist (= ein Haupt hat) und dass die „Natur“ bzw. treffender die kulturelle Prägung lehre, dass langes Haar eine Schande sei. Native Americans, also Indianer, und andere Kulturgruppen, in denen langes Männerhaar von Natur aus als große Ehre angesehen wird, würden hier Paulus nämlich vehement widersprechen.
Das Haar der Frau dient als natürliches Zeichen dafür, dass sie dem Mann untergeordnet ist, denn es dient ihr als Schleier, fährt Paulus fort. Ich deute den Schleier, also das Haar, als Art natürliches Kopftuch, was bereits andeutet, dass die Frau nach dem Mann erschaffen wurde und dass die Frau als Gegenüber, als Gehilfin, erschaffen wurde und nicht in kompletter hierarchischer Gleichheit. Wenn das Kopfttuch eine Bekräftigung dieses natürlichen Zeichens ist und das Kopftuch in der damaligen Kultur ja üblich war, so fragt sich Paulus, warum diese Bekräftigung des natürlichen Zeichens, die ja in der vorherrschenden Kultur üblich war, weggenommen wird, wenn doch das natürliche Zeichen von Gott gegeben wurde und in der Bekräftigung des natürlichen Zeichens nichts Schlechtes zu finden ist, und wenn es kulturelle Sitte ist, es natürlich eher negativ zu werten ist, wenn diese aus christlicher Freiheit heraus unterlassen wird.
Vermutlich versuchten Christinnen den Spirit heidnischer Religionen, deren Priesterinnen das höchste Amt innehatten und kein Kopftuch trugen, in die Gemeinde zu tragen.
„Um der Engel willen“ wurde in er Vergangenheit vielfach gedeutet. Auf mich recht abstrus wirkend ist die Auslegung in Anspielung auf Genesis 6, dass die Frau ihr Haar bedecken soll, um nicht Engeln einen Anlass für sexuelle Gelüste zu geben, damit sie nicht das Verlangen haben, sich zu materialisieren und mit ihnen zu schlafen, wie es angeblich in Gen. 6 der Fall gewesen wäre (was sehr viele Fragen aufwirft – ich bin nämlich der Ansicht, dass Engel nicht die Macht haben, sich einen zeugungsfähigen Männerkörper zu erschaffen und die „Söhne Gottes“ hier eher Menschen aus der treuen Linie Seths meint statt Engel. Das ist sehr umstritten. 2Pet. und Judas können auch einwandfrei so ausgelegt werden, dass auch sie keine vergangene Materialisierung der Engel beschreiben, sondern etwas anderes. Lektüreempfehlung: Benedikt Peters Kommentar zu Judas und 2. Petrus, kostenfrei auf CLV.de lesbar).
Die wohl wahrscheinlichste Interpretation, auch wenn Albert Barnes schreibt, dass das seiner Meinung nach der schleierhafteste und ein einfach nicht interpretierbarer Vers der Bibel ist, ist die, dass die Frau sich durch das Kopftuch offen zu ihrem Platz in der Schöpfungsordnung bekennt, so wie es auch die treuen Engel tun, die ihren Platz nicht verließen, sondern ihrem Schöpfer treu blieben. Die Frauen, die ihren gottgegebenen Platz einnehmen, sagen damit: Es ist wunderbar, wie Gott mich schuf. Es ist wunderbar, wie er Mann und Frau machte, jeder mit seinen eigenen Begabungen und Aufgaben. Ich will nicht dagegen rebellieren, sondern mich an der Schöpfungsordnung erfreuen und ganz darin aufgehen und meinen Platz nicht verlassen. Der Mann muss nicht weiblicher werden und die Frau nicht männlicher. Ich will die Leitung der Gemeinde durch Älteste akzeptieren und ich akzeptiere auch, dass mein Mann „mein Haupt“ in der Ehe ist. Ich will ihn unterstützen und gemeinsam mit ihm entscheiden, ihm aber auch das letzte Wort lassen, so wie mein Mann sich nach besten Kräften darum bemüht, liebevoll, wertschätzend, gut und rücksichtsvoll zu mir zu sein und mich in alle Entscheidungen mit einbezieht. Es ist wunderbar, wie Gott uns erschaffen hat und ich füge mich da hinein.
Das Kopftuch war ein gebräuchliches Zeichen für die Frau, sich zu ihrem Mann (auch als Autorität) zu bekennen. Paulus äußert seine Verwunderung, warum dieses gebräuchliche Zeichen von einigen Frauen abgelegt wurde, wo es doch etwas Wunderbares für jedermann sichtbar aussagte und auch im gesellschaftlichen Kontext von jedem verstanden wurde, dass Christen in (und außerhalb) der Gemeinde die Schöpfungsordnung Gottes annahmen (und Frauen nicht wie Heidenpriesterinnen das Kopftuch ablegten und als Führungsfiguren agierten).
11:2 könnte bedeuten, dass Paulus an anderer Stelle ein explizites Kopftuchgebot überliefert hat, das nicht in die Bibel aufgenommen wurde, da es für die Gemeinden der nachfolgenden Jahrhunderte keine Bedeutung habe. Kapitel 11 gibt uns also nur einen Teileinblick in die Praxis. Vielleicht gab uns der Herr dieses Kapitel als Herausforderung an unser Urteilsvermögen.
11:6 scheint meine obigen Interpretation zu bestätigen, dass das Kopftuch als Verstärkung des natürlichen Schleiers aus v15 darstellt.
11:13 Legt einen kulturellen Kontext der üblichen Praxis des Kopftuchtragens nahe. "Urteilt bei euch selbst, ob es schicklich ist, dass eine Frau unbedeckt zu Gott betet!" Was sagt uns unsere kulturell und gemeindlich geprägte Intuition in Deutschland 2026? Den meisten, dass es eben nicht unschicklich ist.
Eine von mir beobachtete Sitte ist, dass einige Frauen in evangelikal-bibeltreuen Gemeinden dazu übergegangen sind, mit Hoodie in die Gemeinde zu kommen, um beim stillen Mitbeten sich diesen schnell überzuwerfen und so das Gebot aus 1.Kor. 11 einzuhalten.
Ich bin der Überzeugung, dass nicht das stille Mitbeten gemeint ist, sondern das hörbare Beten und Prophezeien, wie es im Text heißt. Ein stilles Mitprophezeien gibt es nicht und ein für alle anderen nicht hörbares Gebet oder das bloße Mitbeten erfordert sehr offensichtlich kein Kopftuch. Es geht in Kapitel 11 auch nicht explizit um den Gemeindekontext, auch wenn dies möglich ist (manche Ausleger sehen hier jedoch den Gemeindekontext). Es wird nicht wie in Kapitel 14 explizit die gottesdienstliche Gemeindeversammlung genannt.
Es müsste also entweder etwas sein, das die ganze Gemeindeveranstaltung (oder auch den gesamten Alltag z.B. ab Verlassen des Hauses) praktiziert wird oder das explizite Aufsetzen der Kopfbedeckung, sobald die Frau öffentlich betet oder prophezeit. Die Sitte des schnellen Kapuzenüberwerfens erscheint mir nicht sinnvoll. Jeder mag im Hoodie kommen, wie er meint, aber vermutlich ist ein ausgebeulter Hoodie für viele Frauen auch nicht unbedingt die schicklichste Gottesdienstkleidung (wenngleich es meiner Meinung nach besser so ist, als dass Kleidungsregeln aufgestellt werden, die nur unnötig Kapazitäten binden und für Unruhe sorgen müssen, da die Schrift ja sehr wenig bzw. nichts dazu gebietet).
Eine weitere Sitte ist das Bedecken mit einem sehr dünnen, durchsichtigen Schleier oder einer Kopfbedeckung gefühlt in Waschlappengröße. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Paulus dies mit Kopfbedeckungen gemeint hat. Da ich aktuell der begründeten Ansicht bin, dass eine Frau auch guten Gewissens ohne Kopftuch in der Gemeinde mitbeten darf, auch laut, stellt sich eher die Frage, ob diese Kompromisslösungen nicht schlimmer sind, als es ganz wegzulassen. Römer 14 besagt, dass es wenn dann auch im Glauben und aus Überzeugung geschehen muss und nicht aus anderen Gründen.
1Kor 11 besagt nicht, eine Frau möge sich ein Kopftuch zum Beten und Prophezeien aufsetzen, sondern vielmehr, dass sie mit Kopftuch beten und prophezeien soll. Die Frage ist also: War es üblich, dass sie eh eines aufhatte oder setzte sie es explizit zum Beten und Prophezeien auf? Ging es Paulus darum, sie möge es nicht ausziehen statt darum, sie möge extra eines aufsetzen?
Ging es darum, dass eine verheiratete Frau durch das Kopftuch in antiker Sitte dadurch signalisierte, dass sie sich ihrem Ehemann unterordnete?
Die große Frage ist also tatsächlich, ob es um das Nicht-Ausziehen oder das Explizit-Anziehen geht. Hierin ist der Text nicht völlig klar, während diverse Indikatoren für eine gesellschaftliche Kopftuchkultur sprechen.
Ein Kulturindikator könnte, wie bereits erwähnt, auch "lehrt euch nicht die Natur" sein, dass langes Haar unehrenhaft für einen Mann sei, da ja nach dem Gesetz Gottes langes Haar bei einem Mann im Rahmen des Nasiräats die größte Ehre für einen Mann war und eben alles andere als Unehre. Ist das ein kultureller Einschlag aus dem 1. Jahrhundert? Offenbar ja.
Lt. 1. Kor 11 hat die Frau bereits von Natur aus einen Schleier, eine Hülle, in Form ihrer langen Haare, der Mann nicht. Daher ist es für Paulus gottgewollt, dass eine Frau auch beim Beten und Prophezeien ihr Haupt weiterhin bedeckt, während der Mann es unbedeckt lassen soll. Dieser natürliche Schleier deutet an (so auch Barnes), dass es für eine Frau schicklich sei, ihren Kopf im Gegensatz zum Mann zu bedecken. Lt. Barnes haben alle Frauen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch getragen außer heidnische Priesterinnen. Daher mahnte Paulus, warum Frauen ausgerechnet in der Gemeinde nun teilweise das Kopftuch abnahmen, wo dort doch die Frauen nicht wie die Priesterinnen eine Sonderstellung über dem Mann einnahmen, sondern ihm durch die Schöpfungsordnung untergeordnet waren – Frauen nahmen in der Gemeinde keine besondere Führungs- oder Priesterposition ein. Warum sollten sie es also den heidnischen Priesterinnen gleichtun und nicht etwas beim Kopftuchtragens bleiben?
Das Kopftuch bestätigt und verstärkt, was die langen Haare ohnehin bereits aussagen: Wie der Nasiräer hat die verheiratete Frau ein Haupt über sich und erkennt dieses von ganzem Herzen an. Die Bestätigung ist unmittelbar damit verbunden, dass die Gesellschaft die Kopfbedeckung mit dem Verheiratetsein in Verbindung bringt – eine jüdische Frau ohne Kopftuch signalisierte, dass sie ungebunden ist. So kam es auch, dass Prostituierte bewusst kein Kopftuch trugen. Paulus scheint hier also zu fragen, warum eine verheiratete Christin durch das Ablehnen des in der jüdischen Kultur üblichen Zeichens des Verheiratetseins und das auch noch ausgerechnet in der Gemeinde, irgendwie ein Statement setzen wolle. Gleichzeitig sehen wir im Text auch, so mein Fazit, dass dies in einer gänzlich nichtjüdischen Kultur, die mit dem Kopftuch nicht das Verheiratetsein, sondern vielmehr die islamische Unterwerfung verbindet, eher weniger Sinn ergibt, zu praktizieren.
Ein weiterer Aspekt ist folgende Beobachtung: Eine haargenaue Analyse der Lehrbriefe zeigt, dass wichtige Lehren nach dem biblischen Zwei-Zeugen-Prinzip stets zwei- oder mehrfach in den Lehrbriefen gelehrt werden. Die Lehre der Kopfbedeckung kommt nur ein einziges Mal isoliert und für uns nicht ganz rekonstruierbar vor.
Müssen Frauen ein Kopftuch im Gottesdienst tragen?; Fragen | Dr. Florian Sondheimer https://www.youtube.com/watch?v=SEPcBKyfPoo
1 Corinthians 11:1-16 – Men and Women In the Church https://www.youtube.com/watch?v=7a3cUDcjd2A
Die Frau soll lt. Riemenschneider Kopftuch tragen, obwohl sie weder laut beten noch prophezeien darf: Die Frage der Kopfbedeckung (1. Korinther 11, 2-16) - Tobias Riemenschneider https://www.youtube.com/watch?v=W3fi-tihiyg Bei ca. 01:10:00
Riemenschneider sinngemäß: Wenn wir nicht wissen, ob es ein Gebot ist, sollten wir es vorsichtshalber mal halten. Die Frage der Kopfbedeckung (1. Korinther 11, 2-16) - Tobias Riemenschneider https://www.youtube.com/watch?v=W3fi-tihiyg Bei ca. 01:07:00
Kommentar eines Griechischexperten - er vertritt die verbreitete These, dass es in dem Text um lange Haare und nicht um eine Kopfbedeckung ginge (so auch die das Übersetzungsteam der Zürcher Bibel)
Peter Streitenberger zu 1Kor 11:6
https://www.sermon-online.com/de/contents/46011006
Peter Streitenberger 2022: Paulus begründet und führt das Argument vom Satz davor näher aus, d.h. warum eine Frau mit kurzem und nicht langem Haar schändlich aussieht und sie ihren Kopf verunstaltet, was bei einer Frau mit Glatze, d.h. Geschorenen, zu vergleichen ist. Das Wort κατακαλύπτω („ganz be-/überdecken“) ist mit dem Präfix κατα- verstärkt und beschreibt, dass der Kopf der Frau ganz und komplett und nicht nur etwas von etwas bedeckt ist. Das Präfix κατα hat auch die Bedeutung, das etwas von oben nach unten reicht („von herab“), d.h. das Haar der Frau reicht ganz von oben bis unten. Da es im Hauptsatz um das Haar geht, ist es im vorangehenden Nebensatz ebenfalls das Haar, von dem die Frau nicht ganz ihren Kopf bedeckt hat. Es geht also im ganzen Zusammenhang um eine Bedeckung des Kopfes mit dem Haar und nicht um eine Bedeckung der Haare mit einem weiteren Gegenstand, etwa einem Kopftuch oder einem Schleier oder einem Hut. Die Form κατακαλύπτεται („sie ist ganz bedeckt/überdeckt“) kann der Form nach Medium oder Passiv sein. Wäre die Deutung Medium, so wären viel Möglichkeiten eingeschränkt, denn dann muss eine Bedeckungshandlung notwendig sein (sie soll sich mit etwas den Kopf bedecken). Dass der Kontext nur vom Haar und von einer Bedeckung des Kopfes damit und nicht von einer Bedeckung der Haare mit spricht, ist dies eine zu weite Einschränkung, denn selbst mit der Deutung als Passiv bleiben diese Möglichkeiten, auch wenn sie wenig plausibel sind, offen, da nicht da steht, womit der Kopf nicht bedeckt ist. Einige Übersetzungen nehmen für die Form ein Medium an, bei der etwas an der eigenen Person geschehen müsste. Selbst wenn man an ein Medium annimmt („sich überdecken“) ist offen, womit die Überdeckung des Kopfes geschieht, Dann liegt eine Bedeckungshandlung näher als wenn man ein Passiv annimmt („überdeckt sein“). Eine Parallelstelle in Daniel zeigt kein Medium, auch wenn dies im Perfekt wie im Präsens möglich wäre, sondern ein Zustandspassiv: „καὶ εἶπέν μοι ἀπότρεχε Δανιηλ ὅτι κατακεκαλυμμένα καὶ ἐσφραγισμένα τὰ προστάγματα“ „Und er sagte zu mir: Lauf weg, Daniel, denn verdeckt und versiegelt sind die Anordnungen“. Ebenso entscheidet es sich eindeutig im Aorist, wo das Passiv eindeutig ist, da es eigene mediale Formen gibt, dass der Gebrauch passiv ist: Jeremia 51.42: „ἀνέβη ἐπὶ Βαβυλῶνα ἡ θάλασσα ἐν ἤχῳ κυμάτων αὐτῆς καὶ κατεκαλύφθη“. „Das Meer ist heraufgestiegen über Babel; mit seiner Wellen Brausen ist es bedeckt“. Jesaja 6.2 sieht auch kein Medium vor, und die Handlung wird aktiv mit dem Imperfekt zum Ausdruck gebracht (die Engel bedecken ihr Angesicht mit Flügeln). 2. Chronika 18.29 hat zwar ein Futur Medium κατακαλύψομαι, jedoch in einem anderen Kontext: „ich werde mich verkleiden“. Die einzige echte Stelle mit medialem Gebrauch ist somit Genesis 38,15, wo ein Aorist Medium gebraucht wird, der davon spricht, dass sich Tamar als Hure mit einem Tuch etc. das Gesicht verhüllt hat. Auch außerbiblische Texte zeigen die Deutung in Richtung Passiv beim Medium/Passiv: Vgl. Herodotus, Historiae 1.119.20: „τὴν κεφαλὴν τοῦ παιδὸς κατακεκαλυμμένην“ „Den überdeckten Kopf des Kindes“. Da das Kind tot war, kommt allein daher schon kein Medium in Frage. Es ist somit klar, dass ein Zustandspassiv hier notwendig ist. Ebenso Xenophon, Hellenica 1.4, 12: „τοῦ ἕδους κατακεκαλυμμένου τῆς Ἀθηνᾶς, ὅ τινες οἰωνίζοντο ἀνεπιτήδειον εἶναι καὶ αὐτῷ καὶ τῇ πόλει“. „Die Statue von Athena war vor dem Anblick verdeckt, was einige zur Meinung gebracht hat, es wäre ein schlechtes Omen sowohl für ihn als auch für die Stadt“. Es ist deutlich, dass eine Statue im Gegensatz zu Personen sich nicht selbst bedecken kann. Im Falle von Personen wäre eine Handlung damit ja auch möglich, aber dies würde die Deutung zu stark auf bestimmte Vorannahmen festlegen, sodass das Passiv alternativlos ist. D.h. der Zustand des Kopfes soll be-/verdeckt sein (Zustandspassiv). Da es im gesamten Zusammenhang nur um Haare geht, treibt Paulus die Sache auf die Spitze: Ist die Frau nicht ganz mit langem Haar am Kopf bedeckt, so wäre es folgerichtig, sich die Haare ganz abzuschneiden, dabei dient καὶ („auch, sogar“),das hier Adverb ist, dieser Steigerung. Das wäre ein Argument gegen halbe Sachen. Da aber eine Frau ohne oder mit sehr kurzen Haaren eine Schande ist, rät Paulus, die bessere Alternative zu wählen, nämlich, sich das Haar lang wachsen zu lassen, sodass der Kopf damit komplett und bis nach unten ganz bedeckt ist. Der Gegensatz zum unschönen Kahl-Scheren ist ja nicht ein Kopftuch, sondern das lange Haar. Mit dem Präsens κατακαλύπτω („soll bedeckt sein“) kommt der Aspekt des Durativs zum Ausdruck, d.h. es handelt sich um eine anhaltende und ununterbrochene Sache, ein punktuelles Aufsetzen eines Kopftuchs wäre hingegen mit Aorist zum Ausdruck zu bringen.